Christliche Erziehung und Züchtigung

Wer sein Kind liebt, der züchtigt es!

Sprüche 13,24

Es gibt wohl kaum einen Bibelvers, der mehr Kontroversen auslöst. Insbesondere unter Menschen, die der Bibel gegenüber ohnehin kritisch gegenüberstehen, stößt dieser Satz auf. Christliche Erziehung wird oft mit körperlicher Züchtigung assoziiert. Gerade unter Skeptikern ist christliche Erziehung darum oft geradezu verpönt. Ist der Vorwurf gerechtfertigt?

Das Wort „Züchtigung“ im Deutschen

Wenn wir einmal überlegen, wo das Wort „züchten“ heute noch Verwendung findet, werden wir schnell an ein Gewächshaus denken. Ein Pflanzenliebhaber spricht davon, dass er eine Pflanze züchtet. Niemanden stört das. Niemand unterstellt ihm, dass er zu streng mit der Pflanze ist oder sie gar nach Strich und Faden verprügelt. Im Gegenteil. Jeder würde denken, dass er sich liebevoll um die Pflanze kümmert.

Friedrich Fröbel spricht liebevoll von einem „Kindergarten“, in dem Kinder wachsen dürfen. Wie ein Pflanzenliebhaber für gute Wachstumsbedingungen sorgt, kümmert sich der Erzieher in seinen Augen um das Aufziehen der Kinder. Das Bild von Kindern als kleinen Pflanzen, die behütet, gepflegt und aufgezogen werden, prägt die ursprüngliche Bedeutung von Züchtigung. Es ist ein altdeutsches Wort, meint aber nichts anderes als sich liebevoll um etwas zu kümmern.

Mit dem Wort Züchtigung wird heute oft körperliche Bestrafung verbunden. Mit dem Ursprung des Wortes hat das wenig zu tun.

Das Wort im Alten Testament

Auch im Alten Testament, z. B. in Sprüche 3,11, bedeutet das Wort „Züchtigung“ nichts anderes. Es kann modern als „Erziehung“ übersetzt werden. Genaugenommen steht dort in der griechischen Fassung, die von den ersten Christen gelesen wurde, „paideuein“ (παιδεύειν ). Davon ist das Wort „Pädagogik“ abgeleitet. Der Vers kann also auch übersetzt werden: „Wer sein Kind liebt, wird pädagogisch handeln“ oder „Wer sein Kind liebt, erzieht es.“

Warum wird das Wort dann in modernen Übersetzungen nicht einfach so wiedergegeben? Unserem modernen Sprachgebrauch entspricht es eher. Allerdings übersetzt Luther eben „züchtigt“, weil zu seiner Zeit so gesprochen wurde. Und heute klingt es einfach flüssig. Die Frage ist, ob man einem Übersetzer von Shakespeare vorwerfen würde, wenn er alte poetische Worte in seinem Text verwendet? Sicher nicht.

Da das Wort „züchtigt“ aus dem Altdeutschen stammt, wird es fälschlicherweise mit alten Erziehungsmethoden in Verbindung gebracht. Dafür kann weder Salomo, noch der Bibeltext oder der Übersetzer etwas. Und auch Luther, der statt „Erziehung“ von „Zucht“ spricht, kann nichts dafür. Das Wort impliziert das nicht.

Züchtigung, Schlagen und Körperstrafe

Manche kritische Leser das altdeutsche Wort irrtümlich mit traditionellen Erziehungsmethoden verbinden. „Wie kann jemand nur züchtigen?“, werden sie fragen. Nun ist es so, dass das Wort erst einmal gar nichts mit einer Körperstrafe zu tun hat. Es meint einfach nur „erziehen“. Andererseits ist es so, dass zu der Zeit Salomos die Körperstrafe tatsächlich in allen Kulturen verbreitet war.

Weiter war es so, dass Kinder oft sehr geringgeschätzt wurden. Die Gesellschaft war keineswegs „kindzentriert“. Es war eine besondere Wertschätzung, wenn sich Erziehende ihrer Kinder annahmen und sie erzogen, um sie auf einen guten Weg zu begleiten. Dadurch zeigten sie ihre Liebe und Fürsorge. Über sanfte Erziehungsmittel hat man sich damals niemand Gedanken gemacht. Schläge gehörten dazu. In Israel nicht mehr, als in anderen Kulturen. Salomo spricht in Sprüche 13,24 von einem Kontrast zwischen „Nichterziehung“ und „Schlägen“, als ob es keine dritte Alternative gäbe. Tatsächlich war genau das ein wichtiges Erziehungsmittel der Antike.

Das Alte Testament ist in Bezug auf den Umgang mit Kindern andererseits sehr fortschrittlich. In anderen Kulturen war es durchaus üblich, dass ein Vater seine Kinder nicht nur schlagen, sondern bei Ungehorsam sogar umbringen konnte. Dafür gab es keine Einschränkungen. In Israel war hingegen nach dem Gesetz Moses ein aufwändiger Prozess dafür erforderlich. Das ungehorsame Kind musste vor Gericht gestellt werden. Spontane Wutreaktionen des Vaters oder Willkürhandlungen hatten keinen Platz. Heutzutage mag das alles befremdlich klingen, aber damals bedeutete es eine klare Verbesserung für den Schutz der Kinder.

Es lässt sich festhalten, dass im Alten Testament vergleichsweise sanft mit dem Kind umgegangen wurde und Erziehungsmittel mit Bedacht und liebevoll eingesetzt werden sollten.

Pädagogik und Züchtigung

Die Botschaft für heute ist klar: Kinder brauchen Erziehung und Führung. Auch Pädagogen wissen, dass Vernachlässigung zu gravierenden Entwicklungsproblemen führt. Die Entwicklung von Kindern leidet stark, wenn Liebe und Erziehung fehlen. Wir kennen Geschichten von „Wolfskindern“ oder „wilden Kindern“, die aufgrund von Vernachlässigung und mangelnder Anregung gravierende Probleme hatten. Moderne Studien, wie die von René Spitz, John Bowlby oder John Harlow, bestätigen ähnliche Ergebnisse. René Spitz stellte in seiner Untersuchung fest, dass Kinder, die von liebevollen Gefängnismüttern betreut wurden, eine bessere Entwicklung zeigten als Kinder, die von professionellen Pflegerinnen begleitet wurden. Es braucht also Zuwendung, Liebe und Erziehung. Methoden spielen zwar eine Rolle, sind jedoch von untergeordneter Bedeutung.

Erziehung braucht das Kind, um seine menschlichen Eigenschaften zur Blüte zu bringen, seinen Verstand auszubilden und sein Potenzial zu entfalten. Menschen können denken, reflektieren, planen und sprechen – aber eben nur, wenn sie erzogen werden. Pädagogik geht daher Hand in Hand mit der Idee der Züchtigung. Erziehende beobachten und unterstützen ihre Kinder. Stets geht es darum, Entwicklungen zu beurteilen und diese zu fördern oder einzudämmen. Neues wird eingebracht, Verhalten und Einstellungen verändert. Die Maßnahmen dazu sind vielfältig.

Eine Antipädagogik und Rousseaus Maxime der maximalen Zurückhaltung in der Erziehung haben sich zurecht nicht durchsetzen können. Er können zwar einzelne Methoden hinterfragen, jedoch nicht das zugrundeliegende Konzept an sich – egal ob wir nun von Erziehung und pädagogischem Handeln sprechen oder das gleiche Züchtigung nennen.

Christliche Pädagogik und Züchtigung heute

Nicht nur für christliche Eltern oder für Salomo gehört Erziehung dazu. Auch für die Pädagogik spielt „Erziehung“ eine zentrale Rolle. Damit beschäftigt sie sich in ihrem Kern. Der Text Salomos fordert auf, diese Erziehungsaufgabe ernst zu nehmen, Ziele zu setzen und anzustreben und nach geeigneten Mitteln zu suchen. Immer wieder werden Entwicklungen beobachtet, beurteilt und entweder gefördert oder ihnen entgegengewirkt. „Züchtigung“ meint nichts anderes.

Konkrete Erziehungsmaßnahmen sind immer Kinder ihrer Zeit gewesen. Zu Salomos Zeit gab es ganz sicher keine Handy- oder Fernsehverbote. In unserer Kultur haben körperliche Strafen wiederum eine ganz andere Bedeutung und Auswirkung für die Kinder, die damit konfrontiert sind. Kinder bekommen mit, wie andere „erzogen“ werden, zweifeln an sich und fühlen sich abgelehnt. Zu anderen Zeiten werden sie in körperlicher Strafe die Liebe ihrer Eltern erkannt haben. Dennoch wurden diese Strafen auch missbraucht, wie auch „moderne“ Erziehungsmittel heute missbraucht werden können. Die Grundhaltung hinter dem Einsatz der jeweiligen Maßnahmen ist darum entscheidend.

Der Vers Salomos sagt aus, dass Kinder Fürsorge Erwachsener benötigen, die sich um sie kümmern, die hegen und pflegen, leiten und erziehen. Christliche Erziehung und Züchtigung machen genau das. Ohne Erziehung bleibt die Entwicklung des Kindes auf der Strecke. Die Liste der Maßnahmen ist lang. Letztlich zielen sie immer auf Einsicht und Verständnis. Eine Einführung in dieses Thema der Erziehungsmaßnahmen und Erziehungstipps werden hier gegeben.