Menschenbild

Nur wer das Wesen des Kindes und seine eigene Rolle kennt, kann sicher erziehen. Ohne eine Auseinandersetzung mit ihrem Menschenbild, werden sich christliche Eltern permanent überfordern, sich selbst und ihr Kind unter Druck setzen und frustriert sein. Das Gefühl als Mutter oder Vater zu versagen sind die Folge.

Praktische Erziehungstipps sind punktuell hilfreich, ersetzen aber nicht ein grundsätzlich Auseinandersetzung mit dem Menschenbild. Erst diese gibt Handlungssicherheit. Eltern werden dann nicht mehr krampfhaft versuchen jede Anforderung – von Freunden, der Schule oder vermeintlich erfolgreichen Eltern in der Gemeinde – zu erfüllen.

Unten sind daraus abgeleitet sieben prägnante Thesen zum Bild vom Kind aufgeführt, die für christliche Erziehung wesentlich sind.

(1) Beobachtungen: Pädagogische Aspekte für Christen

Beobachtungen: Die Natur des von Gott geschaffenen Menschen ist für Erziehung wesentlich. Die pädagogischen Anthropologie diskutiert das Wesen des Kindes genauer. [mehr…]

(2) Glaube: Wesentliche theologische Aspekte

In der Bibel gibt es zentrale Aussagen, die sich wie ein roter Faden hindurchziehen und für die Erziehung sehr relevant sind. [mehr…]

(3) Christus: Zentrale christliche Aspekte

Christen sind überzeugt, dass Menschen – einschließlich Kinder – Jesus Christus brauchen, um befreit zu leben, in Gemeinschaft mit Gott zu leben und ein erfülltes Leben zu führen. [mehr…]

Für christliche Eltern, Erzieher und pädagogische Fachleute sind alle drei Aspekte von großem Interesse. Daraus leiten sich Ziele der Erziehung und konkrete Erziehungsmaßnahmen ab.

Thesen zum Bild vom Kind

Wie Erziehende das Kind sehen, entscheidet darüber, wie sie mit ihm umgehen. Darum ist das christliche Bild vom Kind wichtig und das basiert wiederum auf dem Gottesbild. Es ist komplex und die für Erziehung relevanten Aspekte vielfältig. Das Gottesbild zu reflektieren lohnt sich, denn es hat Studien zufolge einen wesentlichen Einfluss auf die eigene Erziehung.

Aus meiner Sicht sind folgende sechs Aspekte relevant und zeitlos für das Menschenbild christlicher Erziehung und Pädagogik. Dennoch lässt sich über die Gewichtung der Aussagen über das Wesen des Kindes jeweils diskutieren. Dabei werden Christen je nach Kultur, Epoche und Persönlichkeit andere Antworten über die Zusammenhänge finden. Und doch spielen alle diese Aspekte stets eine wichtige Rolle für christliche Erziehung:

1. Das Kind besitzt gute Eigenschaften und Potenziale

Gott hat das Kind „gut“ geschaffen. Das können wir sehen: Kinder tun gerne Gutes, wollen helfen und strahlen wenn sie etwas richtig machen. Sie sind kreativ, entdeckungsfreudig und soziale Wesen, denen Beziehungen und die Rückmeldungen anderer Menschen wichtig sind. In der Bibel wird der Mensch, einschließlich des Kindes, auch noch nach dem Sündenfall noch Ebenbild Gottes genannt (1. Mose 9).

Darum hat das Kind nicht nur eine Würde, sondern wir können nach dem „Guten“ im Kind suchen. Es möchte seinen Eltern Freude machen, den Anforderungen genügen und andere trösten. Auch wenn der Mensch unter dem Vorzeichen des Todes steht, ist er lebendig. Es gibt das Phänomen der Mutterliebe, die kulturübergreifend beobachtbar ist. In Notsituationen sind Menschen oft erstaunlich hilfsbereit. Gott schenkt uns durch seine Gnade eine Welt, in der es Schönheit und Hilfsbereitschaft gibt.

2. Das Kind besitzt destruktive Kräfte

Das Kind ist auch ein „gefallenes“ Wesen. Das christliche Menschenbild ist nicht einseitig negativ, wie die „Schwarze Pädagogik der Aufklärung (Hegel)“ oder die Trieblehre von Sigmund Freud, der Begründer der modernen Psychologie. Sie sehen ausschließlich aggressive und negative Triebkräfte des Kindes. Christliche Pädagogik ist nicht pessimistisch, aber auch aus christlicher Sicht ist der Mensch heute nicht mehr in seinem Ursprungszustand, sondern ist durch den Sündenfall von Gott und seinen Mitmenschen entfremdet und entfernt.

Spannungsverhältnis

Das Kind ist Ebenbild Gottes, aber auch gefallen. Beides müssen wir in ein Verhältnis bringen, um dem Kind gerecht zu werden. Einige pädagogische Ansätze neigen dazu, Kinder in einer idealisierten Weise zu sehen. Dazu gehören Rousseaus Vorstellung des reinen und unschuldigen Kindes, das durch die Gesellschaft verdorben wird, oder auch die „antiautoritäre Pädagogik“. Andere sehen nur negative aggressive, sexuelle oder destruktive Triebkräfte, wie die „klassische Psychoanalyse“ oder die „Schwarze Pädagogik der Aufklärung“. Christliche Erziehung bevorzugt hingegen eine ausgewogene und realistische Betrachtung von Licht- und Schattenseiten.

Die Spannung zwischen Gottebenbildlichkeit und Sündhaftigkeit des Menschen ist für das Menschenbild christlicher Erziehung und christliche Pädagogik ein zentrales Thema. Wird sie in die eine oder andere Seite aufgelöst, gibt es eine Schieflage.

Wird das Kind in naiver Weise als „unschuldig“ und „rein“ angesehen, wird jegliches problematische Verhalten entschuldigt oder auf das Umfeld geschoben. Im schlimmsten Fall sehen die Eltern sich selbst die Ursachen ausschließlich in ihrer Erziehung, weil sie dem Kind zu wenig Aufmerksamkeit gegeben haben. Eine Pädagogik der maximalen Zurückhaltung und möglichst keinerlei Einwirkung auf das Kind wäre die Folge.

Wird andererseits nur das „Negative“ gesehen, tun Erziehende alles um das Schlechte aus dem Kind auszutreiben. Das wird vor allem dann fatal, wenn sie meinen mit menschlichen Möglichkeiten das „Böse“ austreiben zu können. Die eigenen Möglichkeiten Erziehender werden maßlos überschätzt. Erziehende sind geradezu gefordert, das Böse auszutreiben, weil Gott nicht im Blick ist. Die Schwarze Pädagogik der Aufklärung ist hierfür ein mahnendes Beispiel.

Aus christlicher Sicht überschätzen Erziehende ihre Macht maßlos, wenn sie davon ausgehen durch rigide Erziehungspraktiken das Böse austreiben zu können, anstatt auf das Erlösungswerk Christi und das Wirken Gottes zu setzen. Die Bibel thematisiert neben der Gottebenbildlichkeit auch Emotionen wie Neid und Wut. Das erleben auch Eltern bei ihren Kindern. Diese Gefallenheit führt aber nicht nur zu Problemen und Konflikten mit anderen Menschen und Gott, sondern schließlich zum ewigen Tod. Die Lösung liegt in der Herzensveränderung aus der Beziehung mit Christus. Eltern sind mit ihrer Erziehungsaufgabe nicht alleine, sondern dürfen sie mit Gott wahrnehmen.

Neuere (nicht nur) christliche Ansätze fokussieren hingegen oft die positiven Eigenschaften. Problematisch wird es insbesondere, wenn auf einen Aspekt abgehoben wird und andere völlig unbeachtet bleiben. Das Kind ist beides und doch gibt noch einen dritten Faktor, der jenseits kindlicher Anlagen bzw. seinem Wesen und Einwirkung von Erziehenden liegt.

3. Gott geht seinen Weg mit jedem Kind

Kinder gehören uns nicht, sondern werden von uns eine begrenzte Zeit begleitet. Ziel ist es nicht, sie an uns zu binden, sondern auf Gott hinzuweisen. Unsere Kinder sind für ihr Handeln selbst verantwortlich und müssen die Folgen ihres Handelns tragen. Wir begleiten sie. Letztlich sind sie auch nicht uns, sondern Gott gegenüber verantwortlich. Wir wissen, dass Gott seinen Weg mit ihnen geht, sie anspricht und begleitet.

4. Kinder sind Erziehenden anvertraut

Dass Gott seinen Weg mit jedem Kind geht, entbindet Eltern nicht von ihrer Verantwortung sie zu erziehen. Sie sind uns anbefohlen. Es ist kein Zufall, dass wir unser Kind haben und es bei uns aufwächst. Darum vertrauen wir darauf, dass Gott uns alles gegeben hat, was unsere Kinder brauchen. Für unsere Erziehungsaufgabe sind wir von Gott abhängig und ihm gegenüber verantwortlich.

5. Kinder sind auf Erziehung angewiesen

Kinder sind sowohl erziehungsfähig, als auch auf Erziehung angewiesen, um ihr menschliches Potenzial zu entfalten. Ohne Bindung und Beziehung sind sie nicht lebensfähig. Sie explorieren nicht und verkümmern, selbst wenn ihre grundlegenden körperlichen Bedürfnisse gedeckt sind. Kinder brauchen Erwachsene, um ihre menschlichen Eigenschaften wie Sprache, Denk- und Planungsfähigkeit, Impulskontrolle, soziales Miteinander oder kulturelle Handlungen zu erlernen.

6. Kinder brauchen Jesus Christus

Das spezifische christlicher Erziehung ist, dass sie auf Jesus Christus hinweist. Christliche Erziehung ist mehr als religiöse Erziehung (Werte und Moral) oder biblische Erziehung (Einzelaussagen der Bibel). Für Christen ist die Person Jesus Christus nicht beliebig, sondern zentraler Eckstein. Mit ihm steht und fällt letztlich alles.

Allgemeine Bedeutung des Menschenbildes

Nicht nur in der christlichen Erziehung, sondern in jedem pädagogischen Handlungsansatz spielt das Menschenbild eine zentrale Rolle. Die Natur des Kindes selbst ist Gegenstand kontroverser Diskussionen.

Auf der einen Seite wird Kindheit positiv mit Reinheit und Natürlichkeit in Verbindung gebracht und als idealisiert betrachtet. Auf der anderen Seite des Spektrums sehen viele Kindheit oft negativ als eine minderwertige Phase, die überwunden werden muss, um ins Erwachsenenleben überzugehen.

Beides passt nicht so recht zu christlicher Erziehung. Jesus betont ausdrücklich, dass Erwachsene so werden sollen, wie Kinder. Kindlicher Glaube ist eben nicht minderwertig und muss auch nicht überwunden werden. Er ist geradezu vorbildhaft. Das bedeutet nicht, die eingeschränkte Denkweise von Kindern zu übernehmen und den Verstand auszuschalten, sondern den kindlichen Glauben an Jesus Christus als ebenso wertvoll zu erkennen, wenn nicht sogar dem Erwachsenenglauben überlegen. Auf der anderen Seite blendet christliche Erziehung auch die gefallene Natur des Menschen nicht aus.

Christliche Erziehung berücksichtigt noch weitere Aspekte des Menschenbildes. Einige Erkenntnisse über Kinder und Jugendliche sind offensichtlich. Wir können sie beobachten. Andere Aspekte des Menschenbildes teilt die christliche Erziehung mit verschiedenen Religionen, während wieder andere spezifisch „christliche“ Aspekte aufweisen.

Es ist wichtig, Erfahrungen und Beobachtungen nicht zu vernachlässigen, ebenso Aspekte, die christliche Erziehung mit anderen Religionen gemeinsam hat. Dennoch fehlt in all dem etwas Entscheidendes, das das Wesen der christlichen Erziehung ausmacht: Jesus Christus selbst. In seiner Person liegt der eigentliche Ursprung und das Zentrum der christlichen Erziehung.